Unterm Strich: Ramsch oder Referenz? 11/25
Johann Philipp Kirnberger „Sinfonias"
Gautier Capuçon „Gaïa“
Pierre Boulez „Éclat-Multiples"
Louis Spohr „The Romantic Room“
Oops, er hat es wieder getan! Reinhard Goebel, Ausnahmedirigent und vormals Teufelsgeiger sowie, in lebenslanger Drittberufung, musikwissenschaftlicher Quellenforscher, zog jetzt abermals ein Ass aus seinem Archiv-Ärmel. Gemeinsam mit den Berliner Barock Solisten macht er bekannt mit acht blitzkurzen Sinfonien von Johann Philipp Kirnberger(hänssler Classic/Profil). Der hatte anno 1771-79 mit seinem Traktat „Die Kunst des reinen Satzes“ nachträglich die Grundlagen der Bach’schen Satzkunst resümiert. Entsprechend gilt Kirnberger als ein braver Bachschüler, auch war er befreundet mit dessen Sohn Carl Philipp Emanuel. Seine eigenen Werke indes sollen eher wertlos sein. Was umso leichter behauptet werden konnte, da man sie, bis auf eine Handvoll Flötensonaten, nicht mal mehr kennt. Goebel und die Barocksolisten fegen diese These ein für alle Mal vom Tisch. Ihre spektakuläre Ersteinspielung zeigt: Kirnberger war kein Epigone, vielmehr ein Pionier, ein „missing link“ in der Entwicklung der jungen Gattung Sinfonie. Man höre sich nur die anmutige Rhetorik des Andante aus der c-Moll-Sinfonie an, samt Übergang zur Fuge. Oder: die mit Wucht den Streichersatz aufmöbelnden Hörner im Allegro der vierten, in B-Dur, darin anschließend wiederum fugiert wird, diesmal im langsamen Satz. Vier Wochen bevor dieses Album überhaupt lieferbar ist, wurde es bereits im Radio diskutiert, in CD-Tipps angepriesen und zur „CD des Monats“ gekürt. Das muss dem Goebel erstmal einer nachmachen.
Aus einem ganz anderen Holz ist „Gaïa“ geschnitzt, das jüngste Album von Gautier Capuçon (Erato/Warner). Vom himmelblauen Äußersten bis ins hohl vor sich hinwogende Innerste der siebzehn schnulzig-schmalzigen Musiknummern handelt es sich um ein missglücktes Marketingprojekt. Es wuchs auf jenem toten Ast der Verpopmusikalisierung, in der man vor einigen Jahren noch ein Allheilmittel zur Aufpäppelung der Klassikquote vermutete. Nur wurde das Dreiklangs- und Dacapo-Müsli aus Arrangements von Max Richter bis Einaudi diesmal hochgestochen bildungsbürgerlich nach „Mutter Erde“ benannt, um eventuell junge Hörer aus Klimawandelkampfkreisen einzubinden – angeblich ein persönliches Anliegen des famosen französischen Cellisten. Sogar Freund Frank Braley klimpert mit. Ach, Leute, ihr wisst aber doch: PR-Lügen haben kurze Beine. Crossover ist out, so funktioniert das nicht. Auf diesem Kitsch bleibt ihr sitzen.
Das Œuvre von Pierre Boulez ist schmal. Zur Feier seines hundertsten Geburtstags sind etliche diskografische Erinnerungsstücke ediert worden. Jedoch: Mit seinem 34. Bastille-Album ist es Labelchef Sebastian Solte gelungen, eine echte Ersteinspielung einzufangen (bastille musique/rudi mentaire distribution). Der Dirigent Michael Wendeberg, langjährig Pianist im Ensemble intercontemporain, hat 2021 für den Schweizer Rundfunk mit seinem Ensemble Contrechamps nebst dem Collegium Novum Zürich etliche Boulez-Werke neu erarbeitet. Darunter sind nicht nur zwei verschiedene Versionen des resonanzenreichen Stücks „Éclat“ von 1964/65 zu hören, die auf der interpretatorischen Freiheit in rhythmischer und dynamischer Hinsicht gründen. Er fand auch in den Skizzen zu „Éclat/Multiples“, entstanden 1981 als Fortschreibung von „Éclat“, vier Minuten bislang unveröffentlichte Musik, die vorausweisen darauf, dass noch eine dritte Erweiterung des Werks zumindest geplant gewesen sein muss. Dieses Stück, schwebend klar, ätherisch trägt den Namen „Fragment d’expansion“, es ist das Highlight des Jahres. Und wer weiß, was da noch alles zutage gefördert werden kann.
Der Geiger, Komponist und Dirigent Louis Spohr, einst in ganz Europa berühmt, ist längst vergessen wie sein Grab. Außer in Braunschweig, wo er geboren wurde. Dort vergibt die Stadt alle drei Jahre wieder den Louis Spohr Musikpreis an lebende Komponisten, kürzlich im Oktober wurde er Carola Bauckholt überreicht. Löblich und schön, dass das Braunschweiger Staatsorchester die Feier mit einem Bauckholt-Werk rahmte. Bezeichnend, dass kein Stück aus dem überreichen Œuvre von Spohr selbst zum Klingen kam. Die „Chamber Players“ des WDR Sinfonieorchesters haben sich jetzt ein paar seltene Perlen aus Spohrs Kammermusik vorgenommen, mit Lust und Liebe. Ihre Spohr-Box namens „The Romantic Room“ (Pentatone/Naxos) ist ein Wurf. Sie präsentiert auf sechs CDs vorwiegend experimentell erweiterte Formen, etwa die vier Doppel-Streichquartette Spohrs, außerdem sieben mozärtlich inspirierte Streichquintette, besetzt mit zwei Bratschen. Es ist diese kluge, neugierige Musik aus einer altgierigen Zwischenzeit. Laufend entdeckt man darin alte Bekannte.
