Klassik bis zum Umfallen
und wieder Aufstehen
Unterm Strich: Ramsch oder Referenz? 10/25

Unterm Strich: Ramsch oder Referenz? 10/25

CDs, vom Schreibtisch geräumt:
Gaspard Le Roux „Pièces de clavessin“
Lili und Nadia Boulanger „Klavierwerke"
Marie-Sophie Pollak „Bach vs. Scheibe“
François Leleux, Lisa Batiashvili „Future Horizons“

Fast nichts weiß man über Gaspard Le Roux. Wie ein Phantom taucht dieser Komponist in nur wenigen Quellen um 1700 auf. Wo und wann geboren? Wo und wie gelebt? Nicht mal das Todesdatum ist exakt dokumentiert. Vielleicht hat es den Mann nie gegeben. Aber immerhin, es gibt dieses einzigartige Werk, das unter seinem Namen 1705 in Paris im Druck herauskam: Sieben Suiten à 41 Sätze, dargeboten in einer luxuriösen Mehrzweck-Version, spiel- und arrangierbar für Cembalo solo, für zwei Cembali oder als Triosonate. William Christie war einer jener Musiker, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, einiges davon vierhändig einzuspielen. Was aber der südafrikanische Pianist Daniel-Ben Pienaar jetzt mit dem Gesamtkorpus dieser „Pièces de clavessin ausprobiert, geht einen Schritt weiter: Er benutzt einen modernen Konzertflügel (Avie Records/hm-Bertus). Teils tönt das fremd, teils aufregend vertraut. Übersetzt in einen neuen Aggregatzustand, tanzen die Sarabanden plötzlich bizarr-banal aus der Reihe.

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Nach dem Tod ihrer Schwester Lili gab Nadia Boulanger das Komponieren auf. Sinnlos erschien ihr, was sie bis dato geschrieben hatte: „inutile. Für einige Orgelstudien mag das sogar zutreffen. Aber sicher nicht für ihr einziges großes Klavierkonzert. Das markante Glocken-Thema tönt nach russischer Folklore, der Titel „Fantaisie variée verweist auf eine lange Virtuosen-Ahnengalerie. 1913 mit Erfolg uraufgeführt, ist das Stück nie im Repertoire angekommen. Immerhin gibt es ein paar schöne Rundfunk-Einspielungen, eine mit Florian Uhlig (2015), eine andere mit William Youn (2024). Aktuell hat der niederländische Jungpianist Duco Burgers mit dem historisch informierten Faelix Collective unter Anthony Scheffer eine dynamisch geschärfte Lesart vorgelegt, zumal den lyrischen Passagen gibt das Atem und Raum (Piano Classics/Edel). Ein tolles Debütalbum! Bravo! Quasi als „Zugabe“ serviert Burgers die vielgespielten Solo-Klavierstücke der Boulanger-Schwestern. Noch nimmt seine Biografie im Booklet nur halb so viel Platz ein wie die Danksagung an Lehrer und Freunde. Das wird sich ändern.

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Die quecksilbrige Barocksopranistin Marie-Sophie Pollak hat mit dem fleißigen Concerto Köln ein sehr spezielles Recital erarbeitet. Vier Arien aus frühen Kantaten Johann Sebastian Bachs kreuzen die Klingen mit drei Arien des Bachkritikers Johann Adolph Scheibe – letztere in Ersteinspielung. Pollak singt alles gleich fein. Aber es war, wie man sich denken kann, nicht ihre Idee. Vielmehr die von Max Volbers, dem Blockflötendonnerblitzbub, mit dem Faible für Fußnoten. Der hier nicht nur dirigiert, auch flötet und Cembalo spielt. Er hatte sein Programm „Bach vs. Scheibe (Berlin Classics/Edel) vorher schon mit einer anderen So­pranistin (Laila Salome Fischer) im Konzert getestet. Und wer siegt am Ende, in dieser historischen Challenge? Falsche Frage! Es geht ja doch darum, den Stilwandel einer Übergangszeit ohrenfällig zu machen. Kaum zu fassen, dass nur wenige Jahre zwischen den Stücken liegen. Scheibes frühklassische „neue Einfachheit“ mit ihren stereotypen Dacapos tönt dank der feurig pointierten Volberschen Lesart nicht halb so fad, wie sie ist. Andererseits: Bachs Musik würde auch schlechtere Musikanten gut überleben.

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Die Oboe verkörpert die Stimme der Hoffnung. Das ist ihre musikrhetorische Hauptrolle in unzähligen Opern- und Konzertmusiken, von Bach über Mozart, Brahms und Beethoven, bis heute. So hell, so stark: Eine Hoffnungsstimme, die „immer nach dem Sturm kommt, sagt François Leleux, unser derzeit bester Solo-Oboist. Rein spieltechnisch unschlagbar, verfügt er über unendlich viele Farbnuancen, und vor allem über Charisma und Mut. Vor vier Wochen absolvierte Leleux sein Antrittskonzert als neuer Chef der Kammerakademie Potsdam. Dirigieren hat er nämlich auch gelernt. Grund genug, noch einmal an sein jüngstes Album zu erinnern. Es heißt „Future Horizons (Pentatone/Naxos)und präsentiert drei Erstaufnahmen von Auftragswerken, die 2001, 2014 und 2016 entstanden sind. Drei lebende Komponisten, Nicolas BacriMichael Jarrell und Thierry Escaich haben Konzerte für Leleux geschrieben, die unterschiedlicher nicht sein könnten: elegisch, üppig, bruitistisch, motorisch, historistisch, dramatisch. Brillant besetzt. Hinreißend musiziert. Welcher Klassikkünstler sonst traut sich das?