Klassik bis zum Umfallen
und wieder Aufstehen
Unterm Strich: Ramsch oder Referenz? 02/25

Unterm Strich: Ramsch oder Referenz? 02/25

CDs, vom Schreibtisch geräumt:
Ammiel Bushakevitz „Fantasies“
Klaus Ospald „Escribí“
Francesco Corti, Il Pomo d’Oro „The Age Of Extremes“
Francesco Corti „A Man Of Genius“

Liedpianist bleibt Liedpianist. Ist einer erst mal mit diesem Branding ausgestattet, wird es ihm schwer bis unmöglich gemacht, als Solist aus dem eigenen Schatten zu treten. Ammiel Bushakevitz, 38 Jahre jung, ist einen anderen Weg gegangen. Sein erstes Album überhaupt nahm er 2013 auf, noch als Student in Leipzig. Als Nachwuchspreisträger des Leipziger Richard-Wagner-Verbandes wurde ihm ein Album nach Wahl finanziert – und er wählte ein reines Schubertprogramm: die B-Dur-Sonate op. posthum sowie die „Moments musicaux. Ein zweites Schubert-Album, aufgenommen 2015 in Lissabon auf einem Bösendorfer Flügel, ebenfalls privat gesponsert, galt den Impromptus. Dass es sich um Volume I (bzw. II) einer Gesamtedition der Schubertschen Klavierwerke handelte, erfährt man aber erst jetzt, mit dem dritten Schubert-Solo-Album. Bushakevitz nennt es Fantasies (hänssler Classic/Profil). Diesmal spielt er auf einem Steinway die G-Dur-Sonate D 894 nebst „Wanderer-Fantasie. In Artikulation, Tönung, Anschlag sind dies außergewöhnlich trans­zendente Lesarten. Das Klavier singt. Klar und durchsichtig und poetisch, in einer Sprache (mit Schumann zu reden) „jenseits aller Sprachen.

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Der Komponist Klaus Ospald folgt, auf individuellen (Um-)Wegen, noch heute der Spur Robert Schumanns, was die Sprachfähigkeit von Musik anbelangt. Viele seiner Werke beziehen sich auf Texte, oft Gedichte, die zwar unvertont bleiben, aber doch Bezugsgröße sind. Das macht ihren Charme aus, aber auch ihre verstörende Kraft. Vier Ospald-Stücke aus den letzten zehn Jahren, bislang unveröffentlicht, hat Sebastian Solte jetzt auf Album Nr. 33 seines Labels gebündelt und benannt nach dem jüngsten: Escribí“ für Orchester, Kontrabass und Akkordeon (bastille musique/Direktvertrieb). Wieder handelt es sich um Mitschnitte des WDR, entstanden in Zusammenarbeit mit Musikredakteur Harry Vogt, der abermals eine Schar fabelhafter Interpreten dazu versammelt hat. Um nur einen hervorzuheben: Teodoro Anzellotti sorgt mit seinen gestisch schwebenden Akkordeonklangflächen in „Escribí“, uraufgeführt 2022 in Witten, nach Versen von Miguel Hernández, für den Streifen Hoffnung am Horizont.

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Der Franzose spricht, wenn er „Back!“ ruft oder „Lipsien“ sagt, von Johann Sebastian Bach und der Stadt Leipzig. Das ist lustig. Ärgerlich dagegen, dass etliche französische Klassiklabels weiterhin ignorant am deutschen Publikum vorbei produzieren. Sie verzichten in Booklets auf deutsche Übersetzung. Warum? Alte Erbfeindschaft? Kann nicht sein. Auch Platzmangel ist kein Argument – eine Lupe braucht man beim Studium von CD-Heftchen sowieso. Ins Absurde steigert sich das jetzt im Fall von The Age Of Extremes(Arcana/Naxos), wofür der in Basel lehrende Cembalovirtuose und Dirigent Francesco Corti mit dem vortrefflichen Ensemble Il Pomo dOro ein feines Programm erarbeitet hat, mit Werken deutscher Komponisten aus dem Zeitalter der Empfindsamkeit: zwei Bachsöhnen nebst Georg Benda. Den Text zum Album schrieb der Leipziger Bachforscher Peter Wollny, auf deutsch. Nicht mal Online kann man das im Original nachlesen. Dafür gibt es Wollnys sowie Cortis Erläuterungen in italienischer, französischer, englischer Übersetzung, wobei Begriffe wie „Empfindsamkeit, aber auch „Kenner“ und „Liebhaber“ als Lehnwort eingebettet sind.

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Gleichfalls beim Label Arcana und mit suboptimalem Beiheft kam auch das jüngste Soloalbum von Francesco Corti heraus. Aber nun genug mit dem Gemecker an Editorischem. Musikalisch ist das ein Wurf! Das Album heißt A Man Of Genius (Arcana/Naxos) und widmet sich sechzehn späten Sonaten von Domenico Scarlatti, entstanden zwischen 1742 und 1752. Keine Raritäten. Es gibt von diesen Stücken einzeln und im Dutzend ungezählte, mehr oder weniger notwendige Einspielungen. Corti fasst sie paarweise zusammen, wie es das Manuskript von 1752/53 vorgibt. Er spielt auf einem leuchtend obertonklaren, berückend trennscharf tönenden Cembalo, nach italienischen Modellen nachgebaut von Philippe Humeau. Und er nimmt sich allerhand rhythmische Freiheiten heraus. Implantiert Ornamente, setzt Akzente, wagt Fermaten. So wird jede überraschende Phrase in neues Licht getaucht, jede formale Wendung mit Bedeutung aufgeladen. Das wird nicht nur keine Sekunde langweilig. Es öffnet sich eine zauberhafte Landschaft aus Fremdem und Vertrautem.