Unterm Strich: Ramsch oder Referenz? 09/25
András Schiff „Klavierwerke"
William Mundy „Vox Patris Caelestis“
Musiques Nouvelles „Voices Of The Animals“
Andrè Schuen „Mozart“
Wenn allsommers Sir András Schiff anreist, erst in Salzburg, dann in Luzern, sind seine Rezitals weit im Vorfeld ausverkauft. Sein Repertoire reicht von Bach bis Brahms. Nicht viel weiter, auch nicht weiter zurück. Das war früher anders, wie ein jetzt erstmalig veröffentlichter Rundfunkmitschnitt beweist, der 1998/99 während des Lucerne Festivals entstand: Schiff packte damals Domenico Scarlatti und György Kurtág in ein Programm (audite/Naxos). Was verbindet diese beiden ungleichen Großmeister der Miniatur? Besonnenheit und Pioniergeist! Kurtág war einer von Schiffs ersten Lehrern gewesen, als man ihn, vierzehnjährig, an der Budapester Musikakademie aufnahm. Eine der ersten Platten, die er mit zweiundzwanzig bei Hungaroton veröffentlichte, galt zwölf Scarlatti’schen Sonaten. Sechs davon finden sich in seinem Luzerner Programm wieder, dazu dreizehn Etüden aus Kurtágs Játékok. Aus jedem Ton sprüht Frische, Witz, Gegenwart. Ganz nebenbei sei auch noch Ludger Böckenhoff gepriesen, der die Bänder perfekt remastert hat.
Der Choir of New College Oxford klingt zwar nicht mehr ganz so spiegelblank wie einst in der Higginbottom-Ära. Dafür kümmert sich Chorleiter Robert Quinney heutzutage kundig um verloren gegangene Schätze. Wie reich das vokalpolyphone Œuvre von William Mundy gewesen ist, weiß man eigentlich schon seit dessen Wiederentdeckung durch das Ensemble The Sixteen. Das war 1989. Danach ist diskografisch sträflich wenig passiert. Richtig berühmt wurde nur Mundys längstes, aufs Kunstvollste verschraubte Werk namens „Vox Patris Caelestis“, darin das Marienlob dissonanzensüß mit dem Hohelied verlinkt wird. Es ist Herzstück dieses schönen Albums (Linn Records/Naxos). Man vermutet, diese prachtvolle, bis zu sechsstimmige Antifon sei 1553 für die Krönungsfeier von Queen Mary komponiert worden, genannt „die Blutige“. Zeitlebens sah Mundy insgesamt fünf Tudorherrscher (die arme Jane Grey eingerechnet) kommen und gehen, die einander als Ketzer bekriegten. Wie er als Kirchenmusiker diesem Wahnsinn zugleich ausweicht und widerspricht, grenzt an Wunder.
Die Bechsteinfledermaus (Myotis bechsteinii) ist ein Waldbewohner und vom Aussterben bedroht. Auf dem neuen Album des Ensembles Musiques Nouvelles singt sie ein letztes Duett mit ihrer Cousine aus der Stadt, der Breitflügelfledermaus (Eptesicus serotinus). Begleitet werden die beiden vom Violoncello, gespielt von Jean-Paul Dessy. Er ist der Komponist dieses Stücks, zugleich Dirigent der belgischen Truppe, mit der er schon etliche preisgekrönte Alben herausgebracht hat, mit Werken von Scelsi, Lekeu und anderen Randfiguren der Gegenwartsmusik. Jetzt sind die Tiere dran. Für „Voices Of The Animals“ (Cypres/Naxos) hat Dessy die Frequenz der Fledermausrufe so tief herunter getunt, dass sie hörbar werden fürs Menschenohr. Er hat Wal- und Wolfsgesänge gesampelt und mit einem Streichorchester konfrontiert. Auch Jagdwild kommt röhrend zum Zuge, und die Vögel melden sich mit einer flötenumwölkten Preghiera. Vier Sätze also, vier Akte. Eine bildreiche Oper könnte daraus werden, über letzte Dinge, ohne Worte. Schon seltsam, dass so viele Tierrufe in kleinen Sekunden abwärts gleiten.
Ein echtes Highlight des Festspielsommers war das Kopf-an-Kopf-Rennen unserer aktuellen Baritonmusterknaben. Anfang Juli standen beide, Andrè Schuen und Konstantin Krimmel, als Don Giovanni auf den Festivalbühnen, der eine in Aix, der andere in München. Beide extrem sportlich. Beide Prototypen einer neuen antizyklischen Authentizität dieser toxischen Kunstfigur, beide seltsam jung und unschuldig. Fast zeitgleich kam das Album „Andrè Schuen – Mozart“ heraus (DG/Universal). Einerseits eine perfekt platzierte PR-Aktion, mit feinen Gästen. Da schlägt Avi Avital die Mandoline zum „Deh, vieni alla finestra“-Ständchen des Don – wie er es schon 2015 bei Christian Gerhahers Mozartalbum getan hatte. Nikola Hillebrand singt Zerlina, Susanna und Pamina, Daniel Heide karessiert das Fortepiano in Rezitativen und Liedern. Und, andererseits, Schuen? Er ist ebenfalls einfach perfekt. Ein Timbre wie aus Samt und Sahne, eine Tessitura zum Niederknien, eine Prise Pathos dazu. Als Vogelfänger wirkt er zwar etwas pomadig. Doch den Don singt er mit genau der Lust und Wucht, wie sie im Buche steht.
