Klassik bis zum Umfallen
und wieder Aufstehen
Unterm Strich: Ramsch oder Referenz? 03/25

Unterm Strich: Ramsch oder Referenz? 03/25

CDs, vom Schreibtisch geräumt:
Roberto Prosseda „War Silence“
Christian Immler „Be Still My Heart“
Maxwell Quartet „Joseph Haydn“
Geister Duo „Schubert“

In großen Schritten durchmisst Roberto Prosseda die italienische Moderne. Vier energiesprühende Klavierkonzerte aus den Jahren 1900, 1939, 1960 und 2015 hat er eingespielt mit dem London Symphony Orchestra unter Leitung von Nir Kabaretti (Hyperion/Note 1). In zwei Fällen, bei Silvio Omizzolosneoklassisch-muskulösem Concerto und Cristian Carraras lässiger Friedensfilmstudie War Silence handelt es sich um Ersteinspielungen. Und auch wenn das früheste der Werke – Guido Alberto Fanos wuchtiges Virtuosenstück – vielleicht doch reinpassen würde: Mit der Hyperion-Megaserie „The Romantic Piano Concerto“ hat Prossedas Edition nichts zu tun. Er hatte zuletzt bei anderem Label eine wunderfein besonnene Lesart der drei Sonaten op. 2 von Beethoven vorgelegt (Challenge/Bertus). Jetzt macht er, der sich als Herausgeber des „Guida alla musica da concerto“ auskennt wie kein zweiter, mit Rare Italian Piano Concertos wieder sein eignes, heldenhaftes Ding. Nur von einem einzigen Stück, nämlich Luigi DallapiccolasPiccolo concerto per Muriel Couvreux“ könnte man sagen, dass es sich bereits eines kleinen Repertoirewerts erfreut. Dallapiccola schrieb diese lichterfüllte Musik zu Beginn des zweiten Weltkriegs, sie ist der Enkelin des Pariser Opern­intendanten gewidmet, ein Einspruch gegen die Wirklichkeit.

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Zwei vergessene Wiener Komponisten. Nicht nur ein Blatt Papier passt dazwischen, nein, gleich mehrere Papierstapel, dazu rund dreißig Jahre und eine Zeitenwende: Die beiden könnten kaum unterschiedlicher sein. Von dem einen, Robert Gund, hatte man bislang nur aus Fußnoten erfahren. Von dem anderen, Wilhelm Grosz, immerhin schon ein paar Klavierstücke bewundern können, eine Sonate, zwei Tanzsuiten, eine Bühnenmusik für Werfel (eingespielt von Gottlieb Wallisch (Grand Piano/Naxos)). Und jetzt stellen Bariton Christian Immler und Pianist Helmut Deutsch zwei Bündel Lieder dieser Komponisten vor, größtenteils sind es Ersteinspielungen: Be Still My Heart (Alpha/Naxos). Zwanzig romantisch schimmernde Perlen von Gund, kraftvoll, lyrisch, balladesk. Dreizehn von Grosz, in freier Prosodie, schlagermäßig. Jedes einzelne Lied eine Entdeckung. Immler singt fantastisch textklar, biegsam, ausdrucksstark. Einen besseren Partner als Deutsch muss man erst mal finden.

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Zum dritten Mal verhext das Maxwell Quartet den lieben alten Papa Haydn mit einer Handvoll Scotch Snaps (Linn/Naxos). Ehrlich gesagt hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Obgleich die vier Musiker im Booklet natürlich sehr schön erklären, wie sie dem ersten Satz aus Joseph Haydns G-Dur-Streichquartett op.77/I Hob III:81 den Captain Cambells March im Dominantverhältnis voranstellen oder das Adagio-Thema abwandeln in eine Basslinie für ihr Arrangement eines schottischen Tanzes. Das ist interessant zu lesen. Und steht dann halt so nebeneinander herum. Was aber nichts daran ändert, dass sich diese brillante schottische Quartettformation eine ungeheuer fein verhäkelte, sprachmächtige Lesart des späten Haydn erarbeitet hat, die allerhöchste Standards erfüllt. Schade, dass die beiden Quartette op. 77 nun der letzte Wurf sein sollen. Gewidmet ist das Album dem Andenken an Hatto Beyerle vom Alban Berg Quartett, der gesagt haben soll: Um Haydn richtig zu begreifen, müsse man erst die Volksmusik verstehen. Kann sein. Gilt aber so auch für Beethoven, oder?

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Jetzt greift das Geister Duo nach den Sternen. David Salmon und Manuel Vieillard haben, seit sie sich zusammentaten zur kammermusikalisch inspirierten Klavier-Duo-Formation, jede Menge Preise gewonnen, zuletzt den ARD-Musikwettbewerb anno 2021. Sie sind alsdann mit Schwung in eine schöne Karriere gestartet. Zwei Alben liegen vor, mit einer Sammlung von wichtigem Visitenkarten-Repertoire. Dass das Duo jetzt mit einer 7-CD-Box und 8 Stunden Musik aufwartet, ist ein vergleichsweise größenwahnsinniges Abenteuer: Sämtliche fürs Vierhändige bestimmten Werke von Franz Schubert, eingespielt auf einem Steinway, unter Studiobedingungen in Bordeaux! (Mirare/hm-Bertus)Da grüßen die Schatten großer Vorbilder aus dem Katalog. Salmon/Vieillard begegnen dieser Herausforderung sportlich, mit prankenstarkem Zugriff und einer unbändig jugendfrischen Spielfreude. Das trägt, immerhin, durch etliche Tänze.