Klassik bis zum Umfallen
und wieder Aufstehen

Käferchens Mondfahrt

© Arno Declair
Simon Rattle dirigiert an der Berliner Staatsoper die Janáček-Oper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“. Robert Carsen führt Regie und setzt sie damit neu auf die Tagesordnung.

Es wird schwarz im Orchestergraben. Die Vorstellung ist unterbrochen. Der Zwischenvorhang fährt herunter, auf den eine altmodische TV-Mattscheibe gemalert worden ist. Das Bild eines schüchternen jungen Mannes taucht auf. Sein Name: Jan Palach.

Das steht nicht dabei, ist nicht nötig. Wer ihn nicht erkennt, der ahnt zumindest, wer das ist: Palach, so steht es einbeschrieben im kollektiven Gedächtnis, war jener Student, der sich auf dem Prager Wenzelsplatz mit Benzin übergossen und angezündet hatte, um gegen die russischen Panzer zu protestieren. Er konnte noch sprechen, als er ins Krankenhaus gebracht wurde, kurz bevor er starb. Er sagte: „Ich bin kein Selbstmörder“. Sein Vorbild war der Reformator und  tschechische Nationalheilige Jan Hus, der 1415 samt seinen Schriften auf dem Scheiterhaufen brannte. Hunderttausende folgten am 25. Januar 1968 Palachs Sarg. Verzweifelte, versteinerte, blasse Gesichter zoomt die Filmdokumentation in Großaufnahme herbei.

Als dann Janáčeks scharfkantig rhythmisierte Musik zurückkehrt und Sir Simon Rattle und die Berliner Staatskapelle wieder Licht haben an den Notenpulten; als auch die „Mattscheibe“ hochfährt, wird sichtbar, dass unterdessen die Wände in dem verbarrikadierten Hinterzimmer, wo sich die Kämpfer Gottes zum Choralsingen versammeln, mit Jan-Palach-Plakaten tapeziert worden sind. Die Hussiten wappnen sich für die Schlacht am Veitsberg, anno 1420.

Zwei mal zwei Zeitsprünge, hin und zurück, finden sowieso schon statt in Leos Janáčeks grotesk-komischer Oper „Die Ausflüge des Herrn Brouček. Das Stück, selten gespielt, setzt sich zusammen aus zwei Einaktern. Im ersten träumt sich besagter Herr („Brouček“ bedeutet wörtlich übersetzt: „Käferchen) in die Zukunft: Er reist in einer Rakete auf den Mond. Im zweiten findet er sich, ebenfalls stark angeschickert, plötzlich in der Vergangenheit wieder, im fünfzehnten Jahrhundert. Beide Expeditionen machen den Mann nicht klüger. 

Regisseur Robert Carsen hat jetzt einen weiteren Zeitsprung hinzugefügt: Er verortet beide Traumreisen in einer Ära von Aufbruch und Protest: in die 1968/69er Jahre, als der Prager Frühling die Welt erschütterte, die Mondlandung von Apollo 11 und Woodstock stattfand. Die Unterbrechungen, die Carsen dem Stück damit zumutet, dauern zwar nur wenige Minuten. Aber sie legen seinen bitteren Kern offen: Die alberne Slapstick-Komödie entpuppt sich als stille Tragödie. Ausgerechnet der plötzliche Fullstopp, das Schweigen der Musik, wird zum Augenblick der Wahrheit. Chapeau! So etwas läßt sich wahrhaft selten sagen über einen Regieeinfall.

Leoš Janáček brachte seine „Brouček“-Doppelkomödie im Jahr 1920 heraus, zwischen den Tragödien „Osud“ (Schicksal) und „Kát’a Kabanová“. Er hatte lange gehadert mit dem Stoff und nicht weniger als fünf Librettisten dabei verschlissen. Schlußendlich schrieb er den Text, der auf zwei Novellen von Svatopluk Čech basiert, selbst noch einmal um. Der springende Punkt war: Janáček konnte die Titelfigur nicht leiden. Bei Cech ist dieser Herr Käferchen einer der volkstümlichen tchechischen Antihelden – quasi ein Gegenentwurf zum braven Soldaten Schweyk und, als dumpf-dummes Insekt, offenbar auch ein entfernter Cousin des Gregor Samsa aus Kafkas Novelle „Die Verwandlung“. Äußerlich steckt er im Kostüm eines biederen Prager Hausbesitzers, der den Ärger über seine Mieter und die Unbill der Welt mit viel Bier und Wurst betäubt. Es erweist sich, dass er selbst nur ein armes Würstchen ist, halb Maulheld, halb Duckmäuser. Janáček verwandelte diesen Käfer-Herrn in die Karikatur eines unsympathischen dauerbeduselten Operettentenors. In einer Zeitungsnotiz  vom 23.Dezember 1917 erklärte er: „Wir sehen in unserem Volk so viele Broučeks, wie es Oblomows im russischen Volk gab. Ich wollte, dass ein solcher Mensch uns anekelt, dass wir, wenn wir ihm begegnen, ihn, aber in erster Linie uns selbst, vernichten, ersticken wollen.“

Diese deprimierende Botschaft ist sicher einer der Gründe, warum das Werk sich nicht durchsetzte. Bereits die tschechischen Zeitgenossen fremdelten damit. Max Brod, als erklärter Pazifist, fand vor allem die hussitischen Kriegsszenen im zweiten Teil so unvertretbar, dass er Freund Janáček die Übersetzung absagte. Und bis heute wurden „Die Ausflüge des Herrn Brouček“, trotz ihrer musikalischen Schönheiten, nicht nur äußerst selten realisiert, sondern auch viel gekürzt, umgeschrieben und verballhornt. Die deutsche Erstaufführung fand erst im Jahr 1959 statt, die französische 1986. Man kann nur hoffen, dass dieser Bann jetzt gebrochen ist. 

Carsens Inszenierung bringt beides mit Bravour über die Rampe: einerseits die kritische Satire, andererseits die kritiklose Inbrunst dieses zweischneidigen, von nationaler Selbstzerfleischung geprägten Sujets. Komik und Pathos fließen ineinander, beides wirkt gleichermaßen surreal. Und zugleich handeln die Figuren lebensecht, ja, liebenswert. 

Dabei wurde nur ein einziger Sänger, der Tenor Vít Nosek, aus dem Brünner Cast übernommen. Die umjubelte Premiere dieser Carsen-Neuproduktion hatte nämlich bereits Ende November am Nationaltheater in Brno beim Janáček-Festival stattgefunden, unter Leitung von Marko Ivanovic. Die koproduzierende Staatsoper Unter den Linden bietet jetzt, unter Leitung von Sir Simon, eine (fast) vollständig eigene und durchwegs fabelhafte Besetzung dazu auf. Peter Hoare als Herr Brouček ist ein Buffo wie er im Buche steht, charmant und nervtötend, ein überaus gelenkiger, bestens fokussierter Spieltenor.  Der bereits erwähnte Nosek verkörpert mehrere kleinere Nebenrollen: einen der selig bekifften Hippie-Singersongwriter, die beim „Moonstock“-Festival im künstlichen Paradies abhängen, in einer vegan nur von Flowerpower, Luft und Liebe lebenden  Künstlerkolonoie; sowie einen der streitbaren Hussitenkämpfer im alten Prag und natürlich, im Irdischen, einen Zechkumpan. Auch die übrigen Protagonisten – Käferchen ausgenommen – treten mehrfach auf. Dem Publikum kommen sie, wie auch dem Zeitreisenden, naturgemäß  doch irgendwie alle bekannt vor – gestern, heute und übermorgen. Man erkennt sie an der Stimme.

Das gilt für den Baßbariton Gyula Orendt als Sakristan von Sankt Veit, Mond-Lunobor und Domšik von der Glocke ebenso wie für Bariton Carles Pachon als Wirt Würfl, Mond-Mäzen und Hussiten-Konšel. Herausragend das Liebespaar, es taucht aus dem Fluss des Komödiendurcheinanders immer auf, wie lyrische Inseln. Janáček hat den beiden etliche utopisch-melodienfeine Duettchen zugedacht. Aleš Briscein glänzt als ein Heldentenor mit feinem Schmelz und einer guten Portion Metall  – sei es als Kellner/Maler Mazal in der Prager Kneipe, wo die Handlung beginnt und endet; sei es als unglücklich verliebter Mondpoet Blankytny (Sternenfried); oder als tapferer Krieger Pétrik im Hussitenkampf. Lucy Crowes höhensicherer und eher mädchenhaft-lyrischer Sopran ordnet sich dem Liebsten in ihrer Dreifachrolle als kesse Málinka (in der Kneipe), durchgeknallte Muse Etherea (auf dem Mond) und schöne Kunka, Tochter des Glöckners (im alten Prag) allemal unter.

Rattle ist erwiesenermaßen Janáček-Kenner und -liebhaber. Er schlägt zügige Tempi an. Die Berliner Staatskapelle, angereichert durch Farbklänge von Dudelsack oder Orgel, kommt ganz famos zurecht mit der kleinteiligen, aus der Sprache heraus entwickelten Motivik Janáčeks. Die folkloristisch inspirierte Agogik, die aus den für diesen Komponisten typischen Repetitionsmustern erwächst, bewirkt beides zugleich: rhythmischen Furor und musikdramatisches Espressivo. 

Lobend erwähnt sei außerdem das Bühnenbild von Radu Boruzescu. Es ist simpel, fast minimalistisch. Aber auch historisch detailfreudig: Das sparsame Mobiliar wirkt vom ersten Ton an multifunktional und erlaubt fließende Verwandlungen während der Orchesterzwischenspiele. Allein schon, wie aus einem Brauereikessel eine Mondrakete wird: Das sollte man gesehen haben! Die Kostümbildnerin Annemarie Woode liebt musicalreife Übertreibungen, Carsen seinerseits hat eine Schwäche für detailverliebte Wimmelbilder. So wird es niemals langweilig, weder im alten noch im neuen Prag. Aufgeheizte Hussitenkrieger verwandeln sich in brutale Baseballspieler. Im „Moonstock“-Szenario treffen sich Bob Dylan, Janis Joplin und die Sergeant-Pepper-Band in weltverbessernden Kurzauftritten. Dass es des Guten manchmal beinahe zu viel wird: geschenkt. Es spricht eine tiefe Liebe zur Utopie aus Janáčeks wilder, zarter, böser Buffa-Musik. Sie wird in dieser Inszenierung beim Wort genommen.

Wer es nicht schafft in die Aufführungsserie dieser Carsen-Arbeit beim Berliner Koproduktionspartner – der sei vertröstet auf die dritte Serie, die das ebenfalls koproduzierende Teatro Real in Madrid in Vorbereitung hat.