Ich brauche Sie auch nicht
Wer keine Zeit hat, der muß sich Zeit nehmen. Das ist eine konfuzianische Maxime, speziell für Musiker kann sie gefährlich werden. Schmal ist der Grat, der den erfüllten Augenblick von der gepflegten Langweile trennt. Und da das wiederum jeder für sich anders definiert, kommt subjektive Laune ins Spiel. Beim Einsteigen in den Bus der Linie 2 am Kaiserkai ist der Diskurs noch im vollen Gange. Sie habe, ruft eine Hamburger Musikfreundin, „meinen Schumann“ nicht wieder erkannt: Alles viel zu schnell durchgerauscht, ohne Punkt, ohne Komma. Eine andere widerspricht: Ihr war ausgerechnet der letzte Satz zu lahm. Es gab da offenkundig etwas Streitbares in der Elbphilharmonie zu hören.
Marek Janowski, seines Zeichens einer der letzten großen deutschen Kapellmeister, gastierte an diesem Abend beim NDR-Symphonieorchester, das sich neuerdings stolz „Elbphilharmonie Orchester“ nennt – auf Youtube sogar rückwirkend, bis hin zu den steinalten Aufnahmen mit Günter Wand. Auf seinem Programm: In der zweiten Hälfte etwas deutsches, die weithin bekannte, „unsere“ Symphonie in d-moll von Robert Schumann. In der ersten Hälfte: das weithin unbekannte Klavierkonzert Nr.5 von Camille Saint-Saëns, das sogenannt „ägyptische“, mit dem Solisten Jean-Yves Thibaudet, der sich in Bestform athletisch durch seinen hochvirtuosen Part wühlt. Und zum Auftakt: das ewig gestrige Gespinst der „Couperin“-Suite von Maurice Ravel.
Zwei Tage später treffe ich Janowski im Seehof am Berliner Lietzensee zum Gespräch. Wir verschwenden keine Zeit, denn es ist kaum ein ungeduldigerer Mensch denkbar als dieser inzwischen 85 Jahre alte Dirigent, der eine beispiellose internationale Karriere absolviert hat, von Düsseldorf bis Monte Carlo, Paris bis Liverpool, und unter anderem bekannt dafür wurde, dass er sich um keinen kulturpolitischen Kampf je gedrückt hat. Ich frage ihn nach dem letzten Schumannsatz „Langsam – Lebhaft“. Was war da los? Auch mir schien, das gebe ich zu, dies keine der üblichen Janowski-Interpretationen gewesen zu sein, mit ihrer klar-kühlen Detailgenauigkeit in Dynamik und Phrasierung. Einzelne Musiker tanzten aus der Reihe. Selbst der Konzertmeister patzte, unüberhörbar. Janowski wischt die Frage vom Tisch, mit einer knappen Handbewegung. Kann passieren. Nicht wichtig.
Lieber verbreitet er sich über Saint-Saëns – er hatte besagtes Stück eigens für diese Konzertserie neu gelernt und zum ersten Mal in seiner langen, an Repertoire überreichen Laufbahn dirigiert. Aber: Thibaudet hatte sich das nun mal gewünscht. „Pianistisch-technisch ist das sehr anspruchsvoll. Vor allem im ersten und dritten Satz. Der Mittelsatz aber, der ist ganz außerordentlich, er steht jenseits vom kompositorischen Gedankenfeld eines Saint-Saëns. Man würde, finde ich, nie darauf kommen, dass er das geschrieben hat.“
Seit 2023, seit er die Dresdner Philharmonie verließ, arbeitet Marek Janowski nur noch als Gastdirigent. Seit seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr war er eingespannt in Festanstellungen, in Opernhäusern, bei Konzertorchestern. Stufe um Stufe hatte er sich damals nach oben dirigiert, vom Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung über erste und zweite Kapellmeisterstellen bis zu seiner ersten Position als Generalmusikdirektor, 1973 in Freiburg. Da blieb er nur kurz. „Nie länger als zwei Jahre“ hieß die Parole. Als er es an die Spitze geschafft hatte, wurden die Phasen länger: Sieben Jahre führte er das Orchestre de la Suisse Romande zum Erfolg, sechzehn Jahre arbeitete er mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France, vierzehn Jahre brachte er das Rundfunksinfonie-Orchester Berlin (RSB) auf Vordermann. In Dirigentenlexika wird er gern abgeheftet als ein „Orchestererzieher“ oder „Workaholic“.
Und jetzt? Wie fühlt sie sich an, die neu erreichte Freiheit? Janowski sagt, er sei wählerisch. Er dirigiert ab jetzt nur noch Orchester, die er gut kennt: „Das WDR Sinfonieorchester in Köln zum Beispiel, das ist so eine lange alte Liebe. Auch zur Tonhalle Zürich gehe ich sehr gerne. In Frankreich natürlich mein altes Pariser Orchester, und auch in Amerika gibt es ein paar Anlaufstellen, Washington, Chicago. Das ist klar, das sind gewachsene Beziehungen. Und dann gibt es auch noch diese sehr intensive Bindung über viele, viele Jahre hinweg in Tokyo mit dem NHK Symphony Orchestra. Ein Spitzenorchester! Ich habe die Ehre, bei deren hundertjährigem Jubiläum – das wird 2026, im Dezember sein, fünfmal nacheinander die Neunte von Beethoven machen zu dürfen. Fünfmal!“ Janowski lacht vergnügt. Natürlich könnte er es sich leisten, einfach abzusagen. Einmal Neunte ist schon sportlich. Aber fünfmal? Mit 87?
„Fast alle diese Orchester, zu denen ich jetzt gerne immer mal wieder hingehe, fragen mich: Was möchten Sie machen? Wegen meines Alters könnte jedes Mal das letzte Mal sein. Man kann ja nie wissen. Ich erspare mir das. Ich antworte denen immer: Sagen Sie mir bitte, was bei Ihnen lange Zeit nicht gespielt wurde. Das machen wir dann.“ Und zur Not lernt er dann eben auch systematisch neue Partituren.
Janowski ist abenteuerlustig. Aber auch ungeheuer prinzipienfest. Er hat sich in Paris mit Jack Lang angelegt und mit Pierre Boulez überworfen. Hat in Hamburg „Die Teufel von Loudon“ von Penderecki uraufgeführt und 1975 die erste digitale Gesamtaufnahme des „Ring des Nibelungen“ eingespielt, als Westdirigent im Osten, mit der Staatskapelle Dresden. Rund zehn Jahre später verließ er ein für allemal alle Operngräben, aus Protest gegen das Regietheater. Er streitet gern, legt dabei aber immer Wert auf eine quasi ritterliche Haltung – dazu gibt es etliche lustige Anekdoten. Zum Beispiel die mit den Berliner Philharmonikern. Anders als andere Kollegen hatte Janowski denen nämlich jedesmal konsequent abgesagt, in aller Freundschaft, wenn sie in seinen Berliner Jahren als Chefdirigent des RSB bei ihm anklopften und zu einem Gastdirigat einluden. Jetzt ist es umgekehrt: Jetzt lehnt Janowski ebenso konsequent alle Angebote des RSB ab. Und zwar wegen zwei vermasselten Takten, über die es mal Zoff gegeben haben soll, in einer Brahmssymphonie. Wie war das? Kein Kommentar. Janowski sagt nur, schmallippig: „In Berlin sind es jetzt natürlich die Philharmoniker.“ Aber später wiederholt er nochmal das berühmte Janowski-Mantra, dass er viele Jahre zuvor, nämlich im Mauerfalljahr 1989 geprägt hatte, als einige Musiker der vertrauten Staatskapelle Dresden ihm einen Streich spielten. Mitten in der Probe klappte Janowski die Noten zu und verließ die sächsische „Wunderharfe“ für immer, nicht ohne eine kurze Ansprache des Wortlauts: „Sie brauchen mich nicht mehr. Aber ich brauche Sie auch nicht.“
In den Nachwendejahren hatte dieser Dirigent durch persönlichen Einsatz viel erreicht für die Berliner Musiklandschaft. Es sind jetzt andere Zeiten angebrochen. Zur neuen Kulturferne der Politiker, zu den massiven Rasenmäher-Kürzungen und der Zerschlagung von gewachsenen Strukturen weiß auch Janowski keinen Rat. „Wissen Sie, was mir in Berlin fehlt? Die ganzen Menschen, die in meiner Zeit als Chefdirigent des RSB in der Kulturpolitik saßen. Grütters weg, Neumann schon lange weg, dann die Fraktionschefs, die ich natürlich auch immer angesprochen hatte, um abzusichern, dass der Rundfunkorchester- und Chöre-GmbH das Geld nicht ausgeht. Und Wolfgang Schäuble fehlt mir unglaublich. Schäuble war, wie Sie wissen, ein echter Musikliebhaber. Er hat immer, wenn es irgendwo klemmte, argumentiert und telefoniert und dann ging es plötzlich. Auch später, als er Bundestagspräsident war, trafen wir uns alle paar Monate mal in seinem Büro und sprachen über alles Mögliche. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass mir diese Gespräche so sehr fehlen werden. Wir waren oft überhaupt nicht gleicher Meinung. Aber Schäuble war ein Kenner der Musik.“ Das tönt halb traurig, halb nostalgisch.
Einige Ursachen für die Verflachung und Marginalisierung der Musikkultur kann Janowski klar benennen. Er sagt: Das Bildungsbürgertum sei ausgestorben im letzten Vierteljahrhundert. Selber Musik machen gehöre nicht mehr selbstverständlich zu den Grundlagen der ästhetischen Erziehung. Und dann: Die Macht der Bilder! „Toscanini hat sich mal gewünscht, dass es im Konzert einen Vorhang gäbe, so dass die Leute nur hören, nicht sehen. Schön wärs! Die jüngere Generation des Konzertpublikums käme damit, vermute ich, gar nicht mehr zurecht, es wird ja geradezu eine Show erwartet im Zeitalter der Ver-Visualisierung. Durch Rumhampelei und Rumspringerei. Der Dirigent ist zum „Musikdarsteller“ geworden, dabei ist seine eigentliche Aufgabe, das Werk zu interpretieren und damit den Zeitablauf und das Zusammenspiel zu regulieren. Aber das reicht ja nicht mehr. Es muss heute auch, durch Gestik oder Mimik, zum Beispiel der Höhepunkt in einer Symphonie angezeigt werden. Ein unbeschreiblicher Unfug! Aber: Dieser Unfug ist die Realität. Es gibt Kollegen, die das ähnlich sehen wie ich. Wir sind froh, dass wir überhaupt noch wahrgenommen werden.“
Nun ja. Noch sind wir nicht so weit. „Das Wichtigste ist die Musik“, sagt Janowski. Ein Da Capo. Sein alter Slogan. Kann denn Musik den Menschen besser machen? „Nein, das glaube ich nicht“, sagt er, „wer aus dem Konzert rausgeht, ist nicht grundsätzlich ein anderer, als zuvor. Vielleicht fühlt er sich für einen Moment besser. Aber wenn er dann im Parkhaus ins Auto steigt und sich ärgert, dass der vor ihm die Schranke nicht hochkriegt, dann ist es damit schon wieder vorbei. Herzensbildung ist nicht gerade das, was man nachhaltig nennt.“
