Klassik bis zum Umfallen
und wieder Aufstehen

Danke, dass Sie zuhören!

© Oliver Borchert
Ein Sommerfestival in Kreisau verbindet Musik mit Politik auf neue Art

Der Himmel über Krzyzowa sieht aus wie gemalt. Zu jeder Tageszeit. Das ist manchmal so bei alten Plätzen, die ringsum eingerahmt werden von historischen Gebäuden. Dieser Gutshof – ein für die Gegend, die früher Niederschlesien hieß, typischer „Vierseithof“ – entstand Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, zu einer Zeit, als man noch Wert legte auf goldenen Schnitt und menschliches Maß, selbst wenn es nur die Kuh- und Pferdeställe betraf. Heute dienen die umgebauten Stallungen zum größten Teil als Gästezimmer. Sie beherbergen außerdem eine Mensa, Tagungsräume, eine Sporthalle, ein Restaurant, einen Konzertsaal. Und in der Mitte der Häuserzeilen breitet sich ein fussballfeldgroßer Rasen aus, auf dem sich am 12. November 1989 Tausende versammelten, um eine "Versöhnungsmesse" zu feiern, mit dem deutschen Kanzler Helmut Kohl und dem polnischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki.                                              

Seit Mitte der Neunziger dient Krzyzowa als Begegnungsstätte einer „Stiftung für Europäische Verständigung, die sich insbesondere um die Jugendarbeit kümmert und die deutsch-polnische Versöhnung voranbringen will. Einst wohnte hier die Familie vonMoltke, alter Landadel, heute in alle Winde zerstreut. Damals hieß Krzyzowa noch Kreisau, weshalb die konspirativen Treffen der Hitlergegner, die hier im benachbarten Berghaus seit 1940/41 stattfanden, von der Gestapo „Kreisauer Kreis“ genannt wurden. Als sie 1944 aufflogen, bezahlten fast alle Widerständler ihre Zivilcourage mit dem Leben. Die Abschiedsbriefe, die Freya von Moltke an ihren verhafteten Mann Helmuth James schrieb und der an sie, füllen fast 600 Buchseiten. Man liest sie durch in einer einzigen Nacht. Einmal angefangen, kann man diese atemraubenden Kassiber über Liebe und Tod – aber auch Hoffnung – nicht mehr aus der Hand legen.                              

Tagsüber möchte man dann am liebsten die Welt draußen vergessen. Das ist allerdings unmöglich, denn es treffen immer mehr Menschen ein an diesem Ort, Musiker und Musikliebhaber, aber auch beunruhigende Nachrichten. In den ersten Tagen wird vorerst nur geprobt für die elfte Ausgabe des Festivals „Krzyzowa Music – Musik für Europa. Aus allen Fenstern dringen Töne. Das Besondere daran ist: Das Publikum wird auch zu allen Proben zugelassen.        

Anderen zuhören, fremde Stimmen zulassen, dabei die eigene Stimme behaupten in einem Diskurs, der das gemeinsame Dritte, die „Sache, um die es geht, letztendlich höher schätzt als den Auftritt des Einzelnen: Das ist nicht nur eine kontrapunktische Kulturtechnik, die in der Kammermusik notwendig ist. Sie kann auch in einer Demokratie nützlich sein. „Danke, dass Sie zugehört haben, sagt der junge Cellist zu mir überraschend nach der Probe, im Rausgehen. Wie kommt er darauf? Das muss der Geist von Kreisau sein. Etliche der Musiker, die nicht nur aus Deutschland und Polen kommen; auch aus aus Spanien und Britannien anreisen, aus Frankreich oder der Schweiz, müssen sicherlich erstmal damit klarkommen, dass ihnen hier ihr Publikum schon vom ersten Tag an dicht auf die Pelle rückt. Das gilt für die „Juniors“ genauso wie für die prominenten Solisten, die als „Mentors“ oder „Seniors“ schon öfters dabei waren. Am dritten Tag der Proben wird bekannt, dass Staatspräsident Nawrocki soeben die polnische Ukrainehilfe mit einem Veto belegt hat, wie er generell gerade fast alles blockiert, was die liberale Tusk-Regierung auf den Weg bringt.                                                                                                   

Die Lage ist damit bedrohlich unübersichtlich geworden. Nawrocki, Rechtspopulist, macht Stimmung mit dem Motto: „Polen zuerst, zuerst die Polen.“ Ganz im Gegensatz dazu beruft sich „Krzyzowa Music, gegründet 2014 von der Geigerin Viviane Hagner und dem Kinderarzt und Intendanten Matthias von Hülsen, auf die europäische Idee. Im Februar 2022 war das Organisationsteam, zu dem auch, unverzichtbar, Dorothy von Hülsen gehört, geborene von Moltke, unter den ersten, die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine aufnahmen. Die damals gegründete Initiative „Musicians help Musicians“ ist bis heute aktiv. 

 In Saal A auf der Pferdestallseite übt die Harfe. Im „Ballroom, einst Speisezimmer der Moltkes, wird ein Klarinettenquintett des weithin unbekannten britischen Komponisten Samuel Coleridge-Taylor einstudiert. Er muss ein begnadeter Melodienerfinder gewesen sein. Gegenüber dringen Fetzen einer rhythmisch verflixt vertrackten Streichermusik aus der ehemaligen Tenne. Diese dialektisch-integrative Arbeitsweise ist typisch für Brett Dean, den diesjährigen „Composer in Residence. Er arbeitet nebenbei in jeder freien Sekunde an seiner dritten Oper. Sie heißt „Of one Blood und befasst sich mit den Tudor-Königinnen Mary und Elizabeth, im Mai 2026 soll sie an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt werden. Speziell für Kreisau hat Dean gleich mehrere neue Werke mitgebracht, außerdem seine Tochter, Lotte Betts-Dean, die probt nebenan den letzten Liederzyklus von Robert Schumann. Diese junge Mezzosopranistin verfügt nicht nur über Witz, Verstand und ein hinreißendes Charisma. Sie hat auch eine verführerische Loreleystimme, die so stark ist, dass die Melancholie der Musik durch Mauern dringt.                                                                                                 

 Dann kommt der Tag, an dem die Konzerte beginnen. Nicht jedes findet im ländlichen Idyll von Krzyzowa statt. Es sei, sagt von Hülsen mit Stolz, in den vergangenen Jahren gelungen, durch Gastkonzerte in der Umgebung auch das Interesse des polnischen Publikums an dem Projekt zu wecken: rund achtzig Prozent der Besucher sind inzwischen Polen. Das Eröffnungskonzert findet statt in der spektakulären "Friedens"-Kirche in Swidnica (Schweidnitz), erbaut vor 370 Jahren, als der Dreißigjährige Krieg beendet war. Eine Halle aus Fachwerk, Lehm und Holz, ein Riesenraum, er swingt. Auch in Jawor (Jauer) steht so eine Fachwerkkirche, auch hier wird konzertiert, außerdem in Szczawno-Zdrój (Bad Salzbrunn), in Wroclaw (Warschau). Und die Kreisauer Musiker schwärmen weiter aus: nach Görlitz, Poznań, Bad Doberan, Berlin.

Das Programm wird jeweils kurzfristig festgelegt. Angeblich je nach Probenstand. Schaut man auf die Konzertzettel, denkt man sich: Nanu? Was hat Bach mit Ravel zu tun? Und der mit Szymanowski? Aber dann gibt plötzlich Sinnfäden zu entdecken, die das Fremde mit dem scheinbar Bekannten verbinden. Auch das gehört zum Geist von Kreisau.