Unterm Strich: Ramsch oder Referenz? 06/25
Yeol Eum Son „Ravel, Bach"
Swjatoslaw Richter „The Lost Tapes
Liza Lehmann „A Brilliant Destiny“
György Ligeti „Violinkonzert"
Das neue Ravelalbum der Pianistin Yeol Eum Son und der Dirigentin Anja Bihlmaier verdient es, über eine wirklich gute Anlage gehört zu werden. Wenn schon mein alter Kopfhörer so viel verrät über Farbspektrum und Raumtiefe! Eingespielt wurde diese de luxe ausbalancierte Aufnahme vor gut zwei Jahren, und zwar live, im neuen Amare-Konzertsaal in Den Haag, der für das Residenz Orchester seit 2021 als Homebase dient. Kam aber erst jetzt heraus, aus Anlass des Hundertfünfzigsten von Maurice Ravel (naïve-Indigo/375 Media). Das Besondere daran: Bihlmaier und Son arbeiten die innere Verwandtschaft der fast zeitgleich entstandenen Klavierkonzerte Ravels heraus. Wie aus einem Guss wirken diese höchst unterschiedlichen Stücke, wie zwei Seiten einer Medaille – mit einem hellen Kopf vorne (G-Dur), und einer magischen, dunkel glühenden Zahl (D-Dur) auf der Rückseite. Das von Paul Wittgenstein in Auftrag gegebene Konzert für die linke Hand allein ergänzt Son mit vier „Zugaben“ von Johann Sebastian Bach, die Wittgenstein für sich selbst linkshändig arrangiert hatte. Sie spielt sie auf einem Pleyel, den Ravel auf einem Steinway D, beides parlandoklar und mit großem Ton. Allein, wie fließend Son die 41 (!) Legatobögen aus den 30 ersten Takten des Adagios in Ravels G-Dur-Konzert formt: Muss man gehört haben.
Wenn Swjatoslaw Richter Akkorde in die Tasten haut, klirrt der Flügel. Fast klingt das Instrument, etwa im zerklüfteten Scherzosatz der Es-Dur-Sonate op. 1/III von Ludwig van Beethoven, wie ein Toy Piano. „The Lost Tapes“heißt dieses perfekt remasterte Album mit vier Beethovensonaten, anno 1965 mitgeschnitten bei Konzerten in Tours und Luzern, danach verkramt und jetzt von Markus Kettner von der Deutschen Grammophon im Archiv entdeckt und erstmalig veröffentlicht (DG/Universal). Richter geht dynamisch an Grenzen und darüber hinaus, wahrheitstrunken. Was kümmert ihn der elende Tastenkasten? Richter ist Beethovens Seelenverwandter, davon zeugen auch etliche andere, vor allem spätere Aufnahmen der Sonaten opp. 110, 101, 90 und 31/III. Doch in den frühen Interpretationen aus den Sechzigern steckt, so kommt es einem vor, ein geradezu unbändiges Leben drin.
Mehr als 300 Lieder hat Liza Lehmann komponiert. 24 davon stellen Lucile Richardot und Anne de Fornel jetzt vor – fast alle werden präsentiert in Ersteinspielung (La Boîte à Pépites/hm-Bertus). Bitte mehr davon! Auffallend ist die Originalität des Klavierparts, aber auch die fantastische Melodieerfindung. Lehmann, höhere Tochter aus Künstlerkreisen, weiß sich souverän auszudrücken im spätromantischen Idiom. Auch wenn sie damit fast hundert Jahre zu spät dran ist, gibt es viele kleine impressionistische Details in ihrer Musik, die dazu quer stehen. Sie schrieb auch Klavier- und Chormusiken sowie Unterhaltungsmusik, etliche komische Opern, witzig, riskant, alles andere als epigonal. Ein typisches Frauenschicksal im Fin de Siècle: Als Komponistin wurde Lehmann wohlwollend unterschätzt, als Sängerin umschwärmt und gefeiert. Bessere Anwältinnen für eine Wiederauferstehung als die kluge Sängerin Richardot mit dem einmalig großen Ambitus nebst der pointierten Pianistin Fornel kann man ihren Liedern nicht wünschen.
Besser spät als nie! Oder sollte es andersrum heißen: Besser nie zu spät? Diese prächtige Neuheit von Les Siècles hat nämlich einen Webfehler. Programmiert und dirigiert wurde das Album im Herbst 2023 noch vom Gründer der erfolgreichen Spezialformation, François-Xavier Roth (harmonia mundi/Bertus). Im Fokus standen zwei Solokonzerte des Jubilars György Ligeti. Die lyrischen Inseln im Violinkonzert taucht Isabelle Faust in romantische Farben. Jean-Frédéric Neuburger trumpft brillant auf im Klavierkonzert. Gut ein halbes Jahr nach dieser Aufnahme sagten sich Les Siècles dann von Roth los, aus bekannten Compliance-Gründen. Seither arbeiten sie mit Gast-Dirigenten, darunter auch Pierre Bleuse, Musikchef des Ensemble intercontemporain, das mit Bleuse inzwischen selbst ein Ligeti-Album mit demselben Repertoire einspielte. Auch steht im Katalog noch die legendäre Ersteinspielung des Violinkonzerts mit dem Ensemble Intercontemporain von 1992, unter Boulez, zum Vergleich, sowie ein halbes Dutzend weitere Konkurrenz. Les Siècles punktet also mit den Spitzensolisten. Und: mit Roth.
